Wie beginnt man eine Geschichte?

Diese Frage kann man auf viele Arten beantworten.

Eigentlich beginnt eine Geschichte mit der ersten Idee. Diese kann ein Name sein, ein Charakter, ein Dialog, ein Ort, ein Bild, oder gleich ein ganzer Absatz der plötzlich in euch zustande kommt.

DAS ist der Anfang. Zu Inspiration und den Umgang mit Ideen werde ich an anderer Stelle mal mehr schreiben.

 

Sehen wir uns erst einmal an, was noch alles als "Beginn einer Geschichte" verstanden werden kann:

 

a.) Definieren der W-Fragen

Die Beantwortung verschiedener W-Fragen hilft nicht nur dem Leser bei der Orientierung zu Beginn einer Geschichte und hilft ihn richtig einzutauchen, sondern schafft auch Klarheit über das Fundament der Geschichte.

Sind diese Fragen für euch als Autor beantwortet, habt ihr eine solide Basis geschaffen auf der euer Werk wachsen und gedeihen kann. Hier einmal ein schneller Durchlauf der 4 wichtigsten W-Fragen:

Wo sind wir?

Euer Charakter braucht eine Bühne. Selbst, wenn es 'die Leere' ist, muss diese Entscheidung bewusst getroffen sein und entsprechend dem Leser präsentiert werden.

 

Wann sind wir?

"Where we're going, we don't need roads."
Zitat aus Zurück in die Zukunft.
 Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft oder eine alternative Zeit einer alternativen Welt?

Was passiert?

Was passiert in diesem Moment? Welche Bedeutung hat es für den Charakter? Welche Auswirkung auf die Welt? Wie sehr ihr hier ins Detail geht kommt auf euren Schreibstil und den generellen Aufbau eurer Handlung an. Wie viel wollt ihr dem Leser zu Anfang mitgeben?

 

Wem passiert es?

Die Einführung des oder eines Hauptcharakters ist sehr wichtig. Das ist die Person (oder eine von mehreren) mit denen sich der Leser identifizieren soll, der er folgen soll, mit der er mitfühlen soll. Protagonisten, aber auch Antagonisten müssen gut gebaut sein. Sind sie oberflächlich, sollte diese Entscheidung bewusst getroffen sein und nicht von mangelnder Geduld oder Erfahrung herrühren.

 

Aber wie macht man das eigentlich?

Wie schreibt man einen guten Anfang für eine Geschichte?


b.) Die ersten Worte - Anfangstypen

Wie, oh wie füllt man nur diese furchtbare leere Seite?

Das allein ist schon ein Thema für sich das ich an dieser Stelle einmal überspringen werde.
Wenn euch das interessiert, schreibt mich am besten an oder seht rechts nach einem passenden Artikel.

 

Stattdessen wollen wir uns einmal die verschiedenen Typen von Geschichtsanfängen ansehen.

Die W-Fragen bieten da eine gute Grundlage, denn viele Romananfänge beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit einer der 4 Fragen.

 

Ortsbasiert * WO

Ortsbasierte Anfänge fokussieren sich auf das '"Wo", manchmal auch das "Wann". Es geht vor allem um die Szenerie, wie sie entstanden ist, was sie aussagt, ihre Beschreibung oder Atmosphäre. Charaktere und Aktionen sind zweitrangig oder werden in Nebensätzen oder Subtext eingeführt.

 

Das Buch "Die Tochter des Winzers" von Kristen Harnisch und Marion Plath bietet ein gutes Beispiel für einen Fokus auf das Wo, aber auch Wann:

"In der Luft hing der penetrante, faulige Geruch von Mensch und Pferd. Sara Thibault ging schnellen Schrittes die Mott Street entlang. Sie hob den Saum ihres Kleids an und wich den Pferdeäpfeln aus, ohne dabei aus dem Tritt zu geraten. Die Straßengeräusche wirbelten um sie herum wie das Gezanke von Hühnern. Über ihr klopften Frauen Teppiche aus, hängten Bettwäsche über schmiedeeiserne Feuerleitern und riegen nach den Kindern, die auf der Straße unter ihnen wild herumtollten. Das schrille Läuten eines Omnibusses und das Gebrüll der Esel zerrten an Saras Nerven.

Dies war nicht das Amerika, das Sara sich vorgestellt hatte. Die schmutzige Straße säumten Handkarren, deren Besitzer schier alles feilboten – von Kartoffeln bis Laudanum. Sie redeten in Sprachen, die Sara nicht verstand. Mit quietschenden Reifen fuhren Farräder vorbei, Lumpensammler brüllten von ihren Plätzen in den Türeingängen, und Gassenjungen riefen un zogen mit dreckigen Händen an ihrem Rock, als sie an ihnen vorbeiging. Sara wusste, dass sie nicht allein unterwegs sein sollte, aber mit einem Begleiter hätte sie nur Gerede ausgelöst, wo ein Urteil allein Gott vorbehalten war. Sie fragte sich, ob Gott jetzt gerade mit ihr ging, ob dies der Weg zur Erlösung war von der Sünde, die sie begangen hatte."

 

 

Charakterbasiert * WER

Charakterbasierte Anfänge fokussieren sich stark auf einen Charakter, für gewöhnlich der Hauptcharakter oder zumindest ein Charakter von großer Bedeutung für die Handlung oder den Protagonisten. Der Leser lernt beispielsweise etwas über Aussehen, Angewohnheiten, Gedanken, Gefühle, Eigenschaften oder Hintergrund des jeweiligen Charakters.

 

In "Chroniken der Weltensucher 1 - Die Stadt der Regenfresser" von Thomas Thiemeyer finden wir ein klassisches Beispiel für einen Charakterbasierten Anfang der sich viel mit dem Aussehen und derzeitigen Zustand der Figur beschäftigt:

"Der Atem des Mannes ging stoßweise. Seine Haut glänzte im warmen Licht der Abendsonne. Schweiß´, Blut und Staub hatten auf seiner Kleidung Spuren hinterlassen. Fleckig und zerknittert klebte der Stoff auf seiner Haut und ließ seine Arme und Beine darunter hervortreten. Der breite Hut, der ihn vor der südarmerikanischen Sonne geschützt hatte, war ihm bereits vor Tagen verloren gegangen. Ein tragischer Verlust, bedachte man, welche Kraft die Sonne hier entfalten konnte. Nun drohten ihre Strahlen ihm auch noch das letzte bisschen Verstand auszudörren.

 

Sein schütteres Haar flatterte im aufkommenden Wind wie grauer Rauch. Nur langsam arbeitete sich der Mann vorwärts. Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, bewegte er sich entlang eines schmalen Simses, den die innere Kraft der Erde vor Urzeiten aus der Felswand gebrochen hatte. Während er mit den Fingern in den Ritzen des rauen Granits nach Halt suchte, versuchte er krampfhaft, nicht nach unten zu schauen. Der Anblick des bodenlosen Abgrunds übte eine geradezu hypnotische Anziehungskraft aus. Er wusste um die verlockende Kraft der Tiefe. Sie konnte jeden – mochte er auch noch so schwindelfrei sein – irgendwann zu sich herabziehen."

 

 

 

Aktionsbasiert * WAS

Aktionbasierte Anfänge werfen den Leser gern mitten ins Geschehen, in einen Kampf, eine Diskussion, eine Verfolgung oder Ähnliches. Erklärungen über die Charaktere, den Ort oder das "Warum" werden nur sperlich und indirekt gegeben, was (wenn gekonnt eingesetzt) zu Neugierde beim Leser führt und ihn dazu animiert weiterzulesen.

Ort oder Charakter spielen hier ebenfalls große Rollen, trotzdem liegt der eigentliche Fokus für gewöhnlich auf dem "Was".

 

Ein gutes Beispiel dafür ist der Anfang von "BLACKOUT - Morgen ist es zu spät" von Marc Elsberg: 

"Wie ein Verrückter riss Piero Manzano das Lenkrad herum, während die Kühlerhaube seines Alfa unbeirrt auf den blassgrünen Wagen vor ihm zuglitt. Er stemmte beide Arme gegen das Lenkrad, glaubte das hässliche Geräusch schon zu hören, mit dem sich zwei Karosserien ineinander verkeilen. Bremse, schlitternde Reifen, im Rückspiegel die Lichter der Autor hinter ihm, gleich der Aufprall.

 

 

Der Moment dehnte sich, Manzano dachte irrsinnigerweise an Schokolade, die Dusche, die er eigentlich in zwanzig Minuten zu Hause nehmen wollte, das Glas Wein danach auf dem Sofa und eine Verabredung mit Carla oder Paula am bevorstehenden Wochenende."

 

 

Ein weiteres, amüsantes Beispiel für einen Aktionsbasierten Anfang ist "Liebe Macchiato" von Eva Nordmann:

"Eins …

 

Ich beginne zu zählen.

 

Es ist jedes Mal ein magischer Moment. Aber ich bin zu angespannt, um ihn genießen zu können.

 

Unter voller Konzentration widme ich mich der Anzeige. Was ich sehe, gefällt mir nicht. Der mühsam aufgebaute Druck: Er nimmt rapide ab. Das Zischen verändert sich, wird zu schrill, zu hoch.

 

drei …

 

Lorenzos Stimme, die mir so oft den perfekten Ton simuliert hat, erklingt in meinem Kopf. Doch dieser hier ist anders. Mein Blick hetzt panisch hin und her, mustert sämtliche Regler, Anzeigen, Einstellungen. Es ist alles so, wie es sein sollte. Aber der Ton stimmt nicht. Und auch die Konsistenz der Crema ist zu unsauber. Nicht dickflüssig genug. Zu dunkel.

 

Im Geiste haste ich die einzelnen Faktoren durch. "

 

 

 

Atmosphärenbasiert * WIE

Die Atmosphäre von Situationen, Landschaften oder Charakteren ist am schwersten zu treffen und noch schwerer zu beschreiben, aber es ist eine fantastische Weise eine Geschichte zu beginnen. Sie ist nicht gerade üblich und wenn verwendet, mit einem der anderen Anfangstypen gekoppelt. Nur sehr selten wird eine Geschichte allein mit der Atmosphäre begonnen.

 

Das beste Beispiel hierfür ist "Der Name des Windes" von Patrick Rothfuss

"Es war wieder Abend geworden. Das Wirtshaus zum WEGSTEIN lag in Stille, und es war eine dreistimmige Stille.

 

Der vernehmlichste Teil dieser Stille war dumpf und lastend und verdankte sich dem, was fehlte. Hätte ein Wind geweht, so hätte er in den Bäumen geseufzt, hätte das Wirtshausschild quietschend zum Schaukeln gebracht und die Stille wie trudelndes Herbstlaub die Straße hinabgeweht. Wäre das Wirtshaus gut besucht gewesen, hätten sich dort auch nur eine Handvoll Männer aufgehalten, so hätten sie die Stille mit Geplauder und Gelächter erfüllt, mit dem Radau und Bohei, den man in dunklen Abendstunden in einer Schenke erwartet. Wäre Musik erklungen… aber nein, natürlich erklang keine Musik. All das fehlte, und so blieb es still."

 

 

 

Andere Typen

Natürlich gibt es noch viele andere Arten ein Buch zu beginnen.

Manche Anfänge sind Erklärungstexte wie aus einem Sachbuch, andere sind in Lied oder Reimform. Manche bestehen komplett aus den Gedanken eines Charakters oder aber beziehen sich auf etwas das in der Vergangenheit oder der Zukunft passieren wird. Genauso wie es auch den "Multi" gibt, also einen Anfang, der mehrere Typen in sich vereint.

 

Alle diese Anfänge könnte man gesondert als eigenen Typ benennen.

Ich rufe mir gerne die 4 bekanntesten Typen vor Augen, wenn es darum geht meinen Anfang zu schreiben. Welche Art von Anfang gefällt mir selbst beim Lesen? Welche Art zieht mich ins Buch und weckt meine Neugierde?

 

Das heißt nicht, dass ihr nicht einen neuen Typ erfinden könnt oder das ein Typ besser ist als der andere. Es zeigt euch lediglich auf, was alles machbar ist und kann euch Inspiration bieten für euren ganz eigenen Geschichtenanfang.


Übung: Anfangstypen

Wenn euch der Anfang einer Geschichte mal schwer fällt, ihr einfach nicht weiterkommt oder aber etwas an eurem Anfang verändern möchtet, gibt es verschiedene Möglichkeiten das Problem zu lösen.

 

Neben diversen Kreativtechniken kann es helfen sich einfach in eine Bücherei oder einen Buchladen zu setzten und zu lesen.

 

Such dir dazu beliebig ein Buch aus dem Regal. Egal welches Genre, egal welcher Autor. Einfach ein Buch, das dich gerade spontan anspricht. Schnapp dir davon 1-3  Stück und setze dich in eine ruhige Ecke. Lese die ersten paar Seiten und reflektiere dein Erlebnis durch Fragen wie diese zum Beispiel:

 

Wie gefällt dir der Anfang?
Was macht er mit dir?
Wirst du neugierig?
Möchtest du weiterlesen?
Macht es Spaß oder ist es spannend?
Ist es langweilig?
Wenn ja, warum?
Fehlt vielleicht etwas?
Sind die Beschreibungen zu lang oder zu kurz?
Was für ein Anfangstyp könnte es sein?

Passt so ein Anfang zu deiner Geschichte?

Passt er zu deinem Schreibstil und zu dir als Person?